Es ist
Nacht, der Katzen schönste Zeit. An ganz normalen Tagen bin ich mit der Katzenbande zu dieser Stunde schon im Dunkel
verschwunden. Die Dächer der umliegenden Häuser, Büsche, Bäume, Gartenhäuser, Keller und ein
alter Hühnerstall laden ein zu tausendundeinem Abenteuer. Irgendwann aber haben
wir genug Mäuse gefangen, Nachtfalter gejagt und den Kröten hinter her gesehen,
die Alten eher, die Kleinen etwas später. Schließlich besitzen sie noch die
Ausdauer der Jugend. Und dann wird es auch schon Zeit für den nächtlichen
Diskussionskreis. Hintereinander huschen alle Katzen des weiteren Umfeldes in
Renates zum Geräteschuppen umgestalteten Hühnerstall, setzten sich auf Abstand
bedacht in einem so großen Rund zusammen
wie es die Wände des Stalls erlauben und der Austausch der Tagesereignisse
beginnt. Die Alten, der vielen Reden müde, setzten sich in majestätischer
Haltung auf die Reste der etwas abseits
liegenden Strohballen. Sie genießen das Zusammensein wortlos, erinnern sich an
vollbrachte Heldentaten und viele Streiche, die die Jungen ihnen niemals
zugetraut hätten. Aber sie schweigen, wissen sie doch das Taten aus vergangener
Zeit die Jugend wenig interessiert. Ihr Leben steht jetzt im Mittelpunkt.
Lenin, seit Minous Verschwinden mein
allerbester Kumpel, gesellt sich zu mir. Es gibt Tage, da kann ich seine
Anwesenheit nur schwer ertragen, obwohl ich ihn gern habe und seine Art sehr
schätze. Aber er kam ins Haus, weil Minou verloren ging...
Natürlich versuche ich die negativen Gefühle
zu verbergen, aber Lenin ist sehr feinfühlig und erkennt meine Stimmung sofort
und dann zieht er sich traurig in sich selbst zurück. Heute geht es mir gut und
Lenin ist entspannt und glücklich. Er lebte in seinem ersten Lebensjahr mit
neun anderen Katzen bei einer sehr alten Dame. Sie wurde krank und es blieb
keine Hoffnung auf Genesung und ihre Kinder kamen aus der Ferne und brachten
Lenin und seine Familie in das seit einiger Zeit ständig überfüllte Tierheim. Sie wurden gut versorgt
und fügten sich geduldig in ihr Schicksal. Als Renate meine Trauer über den
Verlust meiner kleinen Schwester nicht mehr mit ansehen konnte, sie selber bei
meinem Anblick auch immer trauriger wurde und die alten, ach was sage ich, die
uralten Katzen Luigi, Kitty und Carlito auch nur weise Sprüche von sich gaben,
sagte sie, jetzt ist Schluss mit der Trauer, jetzt fahre ich ins Tierheim, und sie sah Lenin in die Augen und spürte, das ist der richtige Kumpel für Enzo.
So war es auch und er ist es immer noch. Die kleine alte Kitty ist gestorben,
aber das ist eine andere Geschichte und es kamen die wunderschöne Arischa und
ihr Halbbruder Dimitri ins Haus. Heute durften die beiden das erste Mal mit uns
in die Dunkelheit hinaus. Mit großen
staunenden Augen liefen sie an unserer Seite, tobten, haschten nach
Unbekanntem, wollten gar nicht mehr von dem mit Efeu bewachsenen Dach herunter
kommen, fielen fast in den Teich. Aber Lenin und ich sind gute Pflegeväter,
keinen Augenblick lassen wir sie aus den Augen.
Jetzt sind
wir vollzählig versammelt, fast vollzählig muss ich bemerken. Der dicke Bilbo
trudelt immer etwas später ein. Er kontrolliert noch diverse Futternäpfe, die
die Menschen für die Igel gefüllt haben. Nicht das jetzt jemand etwas Falsches
denkt, er kontrolliert sie nur, sein Körperumfang spricht für sich, er hat das
nicht nötig, er wird bestens versorgt.
Alle Augen
sind auf mich gerichtet, wollte ich doch vom wunderschönen Herbst mit Minou
erzählen. Lenin und die Kleinen kennen die Geschichte auch noch nicht und ich
überlege, wie ich beginne.
Es war
September, wunderschönes Wetter und
Renates Mann packte das Auto, schleppte Koffer, Katzenkörbe, Spielzeug,
Blumenstauden, Bambus, und Büsche, alles Ableger aus unserem Garten, ins Auto.
Minou und mich verfrachtete er im Reisekorb, und alles wurde im Auto verstaut.
Die Alten wollten zu hause bleiben,
Reisen lehnten sie ab. Für Betreuung, Fressen und Streicheleinheiten war
gesorgt. Unser Ziel war der Garten, indem One und Two in jeder freien Minute
Fußball spielen. Hier begann unsere Freundschaft. Gemeinsam wurde gebuddelt,
gegossen, Ball gespielt und traurig kletterten wir nach einer Woche wieder ins
Auto, als es nach getaner Arbeit, viel Geschnatter und Gelächter, Sekt trinken,
Kuchen essen und Sahne schlecken, Herzen
und Küssen hieß, Abschied zu nehmen, ab nach Hause.
Kommen wir
von einer längeren Fahrt zurück führt
Renates Schritt sie zuerst in den
Garten. So auch diesmal. Unseren Reisekorb noch in der Hand, sich hinunter
beugend um ihn abzustellen, fällt ihr
Blick auf die Wiese unter den Walnussbaum. Oh Schreck, Minou und ich springen
aus dem Korb, den Renate unsanft, aber bereits geöffnet, auf die Erde fallen
lässt. Was ist passiert? Die gesamte
Nachbarschaft scheint ihre Regenfässer, Speisskübel und einen Pool auf unserer
Wiese abgestellt zu haben. Schnell löst sich
das Rätsel. Der Teich hat ein Loch, die Fische sind in den Pool umgezogen, die Wasserpflanzen versuchen
in den zahlreichen Behältern zu überleben. Das mussten wir begutachten. Wir
rannten zum Pool und vorsichtig balancierten wir auf dem dicken Luftring. So
nah waren wir den Fischen noch nie. Renate hatte uns von Anfang an
unmissverständlich erklärt, sie duldet nicht, wenn wir Tiere töten, ausgenommen
Mäuse und Ratten. Schweren Herzens
richten wir uns danach, auch wenn es an manchen Tagen sehr schwer fällt, vor
allem dann, wenn wir alleine sind und unsere Taten von niemanden bemerkt
werden. Renate trat an den Pool, nahm jeden von uns in eine Hand und aus war
der Traum, den Fischen nahe zu sein.
In den
nächsten Tagen verwandelte sich der
Garten in ein wunderschönes Chaos und der Teich war nur noch ein großes Loch
mit steilen Wänden. Minou und ich waren erst ein paar Monate alt und dieser
Trichter riesig und auf Renates Wunsch vergrößerten ein paar nette junge Männer
ihn noch und legten Terrassen an, formten und verschönerten die gesamte
Ansicht, und unsere Spiellandschaft war vollkommen. Wir jagten uns kreuz und
quer, hinauf und herunter und rundherum. Im Flachland geboren und aufgewachsen
konnten wir uns jetzt vorstellen, wie schön es sein muss in den Bergen
herumzulaufen. Alles machten wir gemeinsam. Selbst der alte Luigi gesellte sich
an diesen Sonnentagen zu uns, und wenn er auch nicht mehr soviel tobte, den herunter kullernden Lehmbrocken lief er auch
hinterher. Kitty lag auf ihrem Lieblingstisch und blinzelte uns wohlwollend zu.
Immer wieder liefen wir zum Pool, sahen Renates besorgten Blick. Sie fürchtete
um Goldorfen, Koi und Bitterlinge. Zügig
sollte die Arbeit voran schreiten, damit vor dem Winter alles schön gemütlich
für die Fische wäre. Und eines Tages war es dann soweit. Wir wurden des Teiches
verwiesen, freundlich aber bestimmt. In angemessener Entfernung beobachteten
wir die starken Jungs, die die riesige Plane mit lautem Hauruck auslegten, sich
gegenseitig auf die Schulter klopften und Renate zufrieden lachte. Regenwasser
lief ein, Unterwasserpflanzen wurden eingesetzt und die Spannung stieg. Was
passiert mit den Fischen. Können wir vielleicht doch einen schnappen, einen
ganz kleinen? Ihr könnt es euch denken. Wie geschickt wir es auch anstellten,
Renate ließ sich nicht ablenken. Minou veranstaltete die größten Faxen, stellte
sich auf die Hinterbeine, imitierte ein Erdmännchen, verfolgte auf dem Rand des
Pools einen Marienkäfer, zeigte kein Interesse für die Fische. Pirouetten
drehend tanzten wir zu den Fässern,
knabberten an Gräsern, folgten springend
einem weißen Schmetterling. Renate amüsierte sich über unsere
Mätzchen, durchschaute sie aber. Sorgsam
nahm sie die Fische aus dem Pool, in dem
nur noch wenig Wasser war und ließ uns erst aus den Augen als der letzte Fisch umgesetzt war. Erschöpft
aber zufrieden nahm sie uns auf den Arm, stellte sich an den Teich und wir
schauten gemeinsam den dicken Goldorfen zu, die aufgeregt ihre Bahnen zogen.
Endlich wieder Platz, riefen sie. Aber das verstanden nur Minou und ich. Stolz erzählten wir allen im
Garten lebenden Tieren, die Fische haben die Aktion unbeschadet überlebt. Seite
an Seite saßen wir von nun an jedem Abend am Wasser, beobachteten die Fische,
sahen den Wasserläufern zu, und grübelten, wie sie es schafften ohne Hilfe über
das Wasser zu laufen. Wir versuchten das auch, immer wieder, wir wollten nicht
glauben, dass diese kleinen Käfer etwas können, das uns nicht gelang. Aber
unsere Versuche scheiterten kläglich. Immer wieder versanken wir im Wasser,
schwammen jedes mal aufs Neue erschrocken ans Ufer, beobachteten weitere
Stunden, ja Tage, die kleinen Tiere und ergründeten ihr Geheimnis nicht.
Nachdem wir dann noch einige missglückte Laufversuche auf dem Wasser
unternahmen, den im Zickzack-Kurs fliegenden Libellen hinterher sprangen und
dabei auch im Wasser landeten, und zu unserer Schmach jedesmal in ein Badetuch gewickelt wurden, gaben wir
auf und achteten auf einen angemessenen Abstand zu allen am und im Wasser
lebenden Tieren. Nichts sollte uns mehr locken.
Wenn Minou
und ich aus lauter Neugier und Übermut ins Regenfass fielen, Renate uns trocken
rubbelte und tröstende Worte sprach, das konnten wir genießen. Das tat gut. Aber nach einem
wohl überlegten Versuch, der dann kläglich scheiterte, lachend in ein Handtuch gewickelt zu werden, das war
zu viel, das war gegen die Katzenehre. Da waren Minou und ich einer Meinung.


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen